Markus Siegrist
Sprünglistrasse 1
3006 Bern


 
 

Schatten I – Bestatter – ein Beruf im Schatten des Alltags

Der Tod ist ein krisenresistentes, buchstäblich todsicheres Geschäft – denn gestorben wird immer! Wenn das Herz still steht, schlägt die Stunde der Bestattungsinstitute. Sie sind bei einem Todesfall sofort zur Stelle.

Angehörige von Verstorbenen sind vielfach überfordert. Brutal auf sich zurückgeworfen, müssen sie funktionieren. Nebst dem Ver­arbeiten des emotionalen Schmerzes sind administrative Auf­gaben zu bewältigen: Formalitäten mit Kirchen und Behörden wie dem Regierungs­statt­halter-, Erbschafts-, Zivil­stands- und Bestattung­samt. Letzteres ist nicht zu verwechseln mit einem Bestattungs­institut, das Angehörigen mit Rat und Tat zur Seite steht, die Beerdigung organisiert und Behördenaufgaben erledigt.

Schweres, Bedrückendes oder Düsteres passt so wenig in unseren unbeschwerten Alltag wie der Tod. Er wird mehrheitlich tot­ge­schwiegen. Die Bestattungskultur hat sich gewandelt: weniger Traueranzeigen und Abdankungsfeiern, dafür immer mehr Gemein­schafts­gräber. Wurden Verstorbene früher in ländli­cher Umgebung zuhause aufgebahrt, wo ihnen die Dorf­bewohner die letzte Ehre erwiesen, finden sie – vor allem in der modernen städtischen Gesell­schaft – wenig Beachtung.

Es liegt in der menschlichen Eigenart, den Tod zu verdrängen und lieber nicht darüber zu sprechen. Nach dem Tod heisst das Motto: Nichts wie weg! In Alters­heimen etwa kommen die Bestatter ge­wis­ser­massen bei Nacht und Nebel durch die Ein­stell­halle, um den Leichnam zu holen, wenn die Bewohner bereits am Schlafen sind oder sich im Ess­saal ver­kös­ti­gen. Alles muss diskret und schnell gehen.

In Todesanzeigen wird geschrieben von «heimgegangen» oder «leise entschlafen», von «erlöst» oder «friedlich eingeschlafen» oder davon, «durch einen tragischen Unglücks­fall jäh aus dem Leben gerissen» worden zu sein oder «dem Schöpfer das Leben wieder zurück­gegeben» zu haben. Sanfte, schonende, tröstende und schöne Worte. Vom Leiden und Sterben aber ist selten zu lesen.

Für Tote interessieren sich Gerichtsmediziner, Pathologen und Be­stat­tungs­institute. Letztere kommen schnell und diskret bei Tag und Nacht zu Hilfe und nutzen die Gunst der Stunde.

Das Leben ist teuer –  aber auch beim Sterben wird abkassiert. Die Kosten für die Erd­be­stattung meiner Mutter haben sich bei einer Berner Be­stat­tungs­firma bei­spiels­weise auf 5'500 Franken belaufen. Für die Benüt­zung des Auf­bah­rungs­raumes und der Kapelle, die Deko­ra­tion und Kerzen in diesen Räumen, für Grab­kosten und -schmuck, Grab­feld­unter­halt, Bestattung und Ver­waltungs­gebühren blättert man schnell weitere 4'500 Franken hin. Des weiteren kostet in Bern ein Sarg­reihen­grab inklusive Grab­stein und dreimal jähr­licher Neu­be­pflan­zung für 20 Jahre über 10'000 Franken. Für einen Platz im Gemein­schafts­grab – früher das Grab der Namen­losen – zahlt man für die gleiche Zeit­spanne etwas über 200 Franken.

Die sterblichen Überreste liegen 20 Jahre im Grab resp. in der Urne und bei Familien­gräbern 40 Jahre, bis sie aufgehoben werden.

Heute wird immer mehr verlangt, dass die verstorbene Person in den eigenen Kleidern eingesargt wird. Vom tradi­tio­nellen weissen Toten­hemd ist man ab­ge­kommen. Der Wunsch der Ange­hörigen ist es, dass der Leichnam so her­ge­richtet wird, dass es den Anschein macht, er schlafe.

Das Bestattungswesen ist nie vom Aussterben bedroht. Es kennt weder Rezession noch andere Krisen: Jahraus und jahrein herrscht Hoch­kon­junktur – und Kon­kur­renz­kampf! Im Marketing-Bereich sind den Instituten allerdings die Hände gebunden. Sie müssen pietät­voll und sozusagen lautlos werben. Aggressive Werbe­sprüche wie Bei uns sterben sie günstiger sind so wenig angebracht wie sarkastische Sprüche dieser Art: Hesch äs Schlegli, geisch zum Egli. (Anmerkung: Die Egli AG ist ein renom­mier­tes Be­stat­tungs­unter­nehmen im Kanton Bern).

Der Bestatter erfüllt eine wichtige soziale Aufgabe. Er über­nimmt den Dienst am Ver­stor­benen und be­glei­tet, berät und betreut Hinter­blie­bene. Mit diesen muss er detail­liert Einzel­heiten über den Ab­lauf der Bei­set­zung besprechen, die amt­li­chen sowie die kirch­li­chen Forma­litä­ten regeln und auf indi­vi­duelle Wünsche des Ver­stor­benen oder der Ange­hörigen ein­gehen. Ferner bespricht er die Wahl des Sarges respek­tive der Urne und ver­fasst auf Wunsch auch Texte für Leidzirkulare und Todesanzeigen. All dies bedingt ein hohes Mass an Takt­gefühl und Ein­füh­lungs­ver­mögen sowie einen pietät- und respekt­vollen Umgang mit Menschen unter­schied­li­cher reli­giöser und kultu­reller Her­kunft. Ethische Grund­sätze sind in dieser Berufs­tätig­keit von hoher Bedeutung.

Zum Aufgabengebiet gehört neben der Einsargung auch, den Leich­nam in einen hygie­nisch mög­lichst ein­wand­freien, ästhe­ti­schen und wür­di­gen Zu­stand her­zu­richten. Ferner muss der Bestatter die ver­stor­bene Person vom Wohn­domizil, Spital oder Alters­heim zum Fried­hof oder ins Krema­torium überführen. Zudem ist er ver­ant­wort­lich für den Blumen- und Kranz­schmuck in Leichen­halle und Kirche. Es kann auch vor­kommen, dass eine Über­führung vom Ausland in die Schweiz oder umge­kehrt erfolgen muss. Gefragt ist auch eine sach­kun­dige Unter­nehmens­füh­rung, sind doch jeweils die Kosten einer Be­stat­tung zu kalkulieren. Kurzum: Das Anfor­de­rungs­profil ist umfangreich.

In diesem Geschäft gelten die gleichen Regeln wie in einem anderen Business. Öko­no­misch gesehen – ausgeruht wird erst nach dem eigenen Tod…

PS  Die Bildreportage zeigt eine Umsargung im Krematorium des Berner Brem­garten­fried­hofs. Der Bericht war für die Berner Zeitung BZ geplant, konnte aber nicht publiziert werden, weil die Fotos für die Leser­schaft un­zu­mut­bar gewesen wären. Die Auf­nahmen konnte ich nur machen, weil der Ver­stor­bene keine An­ge­hö­rigen hatte. Er starb an­schei­nend einsam und eines natür­li­chen Todes – an einem Blut­sturz. Kurz nach dem Knipsen dieser Bilder wurde der Ver­stor­bene in einem Gemeinde­sarg feuer­be­stattet.

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Blick in ein Sarglager: Grab-
kreuze, Beigen von Toten-
hemden und anderes Bestat-
tungsmaterial, umrahmt von
Särgen.
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Einheitssärge im Standardformat – jedes Extra
wird separat verrechnet.
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Vom weissen Totenhemd ist
man abgekommen.
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Verwittert und verlassen:
Verschneites Einzelgrab, um
das sich niemand kümmert.
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Frisch und schlicht:
neues Grab auf
dem Schosshalden-
friedhof in Bern.
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Optisch auffallend:
modernes Grabmal
auf dem Berner
Schosshaldenfriedhof.
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Üppig, überladen,
kreativ
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Grab ausheben ...
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und auffüllen – Bilder, die
zum Nachdenken anregen
und an die Zukunft erinnern.
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Tod und Trauer

Viele mögen oder wollen sich nicht mit der Tat­sache der End­lich­keit aus­ein­an­der­set­zen. Aber jedes Leben hat ein­mal ein Ende – das ge­lieb­ter und nahe­ste­hen­der Men­schen ge­nau­so wie das eigene.

Der Gedanke an die Vergänglichkeit kann Angst machen und die Le­bens­freude und -en­er­gie dämp­fen und hem­men.

Wer aber das Sterben verneint, schneidet sich einen Teil des eige­nen Le­bens ab. Denn Le­ben und Tod sind un­zer­trenn­bar ver­bun­den.

Der Mensch sollte lernen, sich aktiv und konstruktiv mit dieser The­ma­tik zu be­schäf­ti­gen. Sie zu ver­drän­gen hilft nie­man­dem.

In früheren Zeiten waren Sterben und Tod präsenter. In Fa­mi­lien wurde der Ster­be­pro­zess von Ver­wand­ten, Be­kann­ten und Nach­barn be­glei­tet und mit­ge­tra­gen. Der so­zia­le Kon­takt wurde da­durch ge­stärkt.

Die Zeiten haben sich geändert und somit auch unser Ver­halten zum Tod. Viele sind nicht mehr in der Lage, mit dieser Rea­li­tät um­zu­ge­hen. Sie de­le­gie­ren nach einem To­des­fall alles an an­o­ny­me und pro­fes­sio­nel­le In­sti­tu­tio­nen wie Be­stat­tungs­fir­men, Spi­tä­ler oder Al­ters­heime.

Das Denken vieler ist geprägt von einer höchst effizienten, perfek­ten und at­mo­sphä­risch ste­ri­len Un­kul­tur. Die Un­fä­hig­keit, mit dem Tod um­zu­ge­hen, ist ein zi­vi­li­sa­to­ri­scher Rück­schritt. Der Leich­nam liegt im Auf­bah­rungs­raum hin­ter einer Glas­wand, ab­ge­schot­tet vom Be­su­cher­raum.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Trauer ein kom­ple­xer, län­ger an­dau­ern­der, bio­psy­cho­so­zia­ler Be­wäl­ti­gungs­pro­zess. Trauer­ar­beit wird je nach per­sön­li­chen Cha­rak­ter­eigen­schaf­ten in­di­vi­du­ell ver­ar­bei­tet.

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Die Holzkreuze können erst
nach 9 Monaten durch Grab-
steine ersetzt werden – die
Erde muss sich in dieser Zeit
zuerst setzen.
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Gestorben – begraben – vergessen?
   
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Am Weg auf den Friedhof
führt kein Leben vorbei.
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Nicht gelebte Trauer kann
krank machen.
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Lernen, «Adieu»
zu sagen!
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Trauer ist keine Krankheit
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Einsamkeit: Das Leben dieses Mannes
steht schief, seit seine Frau gestorben
ist. Kommt er jemals darüber hinweg?
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Ein betender Sohn
an Mutters Grab

 
 

Schatten IIEin Dorf im Schatten seiner selbst

Text und Bilder folgen...

 

 

Schatten IIIDas Jahrhundert-Hochwasser in Brienz

Es passiert in der Nacht vom 22. auf den 23. August 2005: In Brienz und Schwanden ertönen die Sirenen. Dumpfes, un­heim­liches und bedrohliches Donnern des Glyssli- und Trachtbachs ist zu hören. Die reissenden Gewässer führen viel Geschiebe mit sich und verlassen das Bachbett...

Starke, tagelang anhaltende Niederschläge und damit verbundene Erd­rutsche führen dazu, dass sich die sonst so friedlich durch das Dorf Brienz fliessenden Bächchen zu reissenden, unberechenbaren Gewässern entwickeln und gewaltige Schlammlawinen entfalten, die verheerende Schäden und unermessliches Leid anrichten. Die traurige, brutale Bilanz: Es sind zwei Todesopfer zu beklagen – zwei Frauen, die in ihren Häusern überrascht werden und in der Schlammlawine ihr Leben lassen müssen. Eine weitere Person wird schwer verletzt.

Acht Häuser werden wie Zündholzschachteln weggespült, mehrere Liegen­schaften erleiden Totalschaden und müssen abgebrochen werden. Einige Geschäfts­häuser werden so stark in Mit­leiden­schaft gezogen, dass sie mehrere Monate nicht benutztbar sind. Gesamthaft sind gegen 30 Häuser total zer­stört oder schwer beschädigt. Nahezu 100 Ein­wohner verlieren ihr Heim – einige nur vorübergehend, andere bleibend. Die Feuerwehr evakuiert in der Umgebung der beiden Bäche rund 250 Anwohner. Im idyllischen 3000-Seelen­dorf herrscht der Aus­nahme­zustand.

Die Aufräumarbeiten unter der Führung von Gemeinderats­präsident Peter Flück laufen auf Hochtouren: Freiwillige Helfer, Armee-Angehörige, der Zivilschutz und Führungskräfte stehen im Dauereinsatz. Das Engagement von ca. 300 Personen pro Tag verlangt eine gut organisierte Logistik.

Die Gebäudeversicherung rechnet mit rund 30 Millionen Franken Schaden.

Die Murgänge im Glyssli- und Trachtbach sowie der hohe Wasserstand des Brienzersees und der Aare richten Schäden von über 50 Millionen Franken an.

Glück im Unglück: Der Gemeinde Brienz blieb eine Katastophe mit vielen Verletzten und Toten erspart.

In den Jahren nach der Unwetterkatastophe investiert die Gemeinde über 40 Millionen Franken für einen besseren Schutz der beiden Bäche. Rund 7000 Tonnen Beton benötigt man für das Verbreitern der Bachbette und das Erstellen von Dämmen.

Fazit: Trotz dieser Bauten gibt es keine hundertprozentige Sicherheit. Man kann zwar das Menschen­mögliche vornehmen – die Natur aber wird immer wieder die Grenzen unseres menschlichen Schaffens aufzeigen. Wir müssen lernen, mit gewissen Risiken zu leben 

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Der verheerenden Verwüstung
waren ausserordentliche Nieder-
schläge vorausgegangen
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Das Gebäude der Gemeinde-
verwaltung hatte Glück im
Unglück:
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Es wurde von mehreren ange-
schwommenen Autos geschützt
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Das Ausmass der Naturgewalt
setzte das Dorf unter Schock
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Es herrschte der Ausnahme-
zustand
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Die Aufräumarbeiten dauerten
mehrere Monate
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Trauriges ‹Denkmal› eines
weggeschwemmten Hauses
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Dabei starben zwei Frauen –
geblieben ist eine Wandruine
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Bis zum heutigen Tag wurde
hier kein Haus mehr gebaut
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Hochwasserschutz Glysslibach: schönes Design des weltweit …
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 … einzigartigen Ausgleichs-
    bauwerks in Kombination …
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 … mit einem breiten Damm
 
 
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Die meisten der zerstörten Chalets wurden wieder aufgebaut
 
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Ab Mitte der Schwanderstrasse blieben die Häuser unversehrt

Schatten IVWie entsteht ein Grabstein?
Vom Rohling über die Bearbeitung bis zum Setzen

Text und Bilder folgen...

 

Schatten VSuizide – ein heikles Thema

Anlaufstelle:

Bei Suiziden stehen Journalisten in der Verantwortung. Deswegen empfiehlt sich die Lektüre des Leitfadens «Medien und Suizid» (siehe www.ipsilon.ch).

Berichterstattungen über Suizide können Nachahmungseffekte auslösen, aber – wenn gut gemacht – auch Suizide verhindern und Leben retten.

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Erweiterter Suizid – siehe Printartikel Warum nur? auf der «Blick»-Titelseite